Esterwegen: Die internationale Wanderausstellung „Das Unvorstellbare zeichnen/Picturing the Unimaginable“ zeigt Werke von zehn zeitgenössischen Zeichnerinnen und Zeichnernaus den Niederlanden, Deutschland und Belgien. Sie setzen sich mit den Geschehen im Nationalsozialismus auseinander. Die Ausstellung, die vor wenigen Tagen eröffnet wurde, ist bis 6. Dezember in der Gedenkstätte Esterwegen zu sehen.
Die Besucherinnen und Besucher erwartet eine multimediale Präsentation, in der moderne Zeichnungen durch historische Objekte sowie audiovisuelle Beiträge von Expertinnen, Experten sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ergänzt werden. Die Ausstellung bietet darüber hinaus Einblicke in den kreativen Entstehungsprozess und dokumentiert die intensiven Diskussionen der Beteiligten über die Grenzen der Darstellbarkeit von Gewalt.
Bei der Eröffnung betonte Gedenkstätten-Co-Leiter Martin Koers, dass die Gedenkstätte bereits in den vergangenen Jahren wichtige Akzente an der Schnittstelle von Kunst und Zeitgeschichte gesetzt habe und diesen Ansatz mit der Sonderausstellung weiterverfolge. Er verwies zudem auf einen in der Ausstellung präsentierten Comic über das Schicksal der Männer aus dem niederländischen Putten. Zahlreiche Niederländer aus Putten wurden in die Lager Dalum und Versen deportiert. Um die Härte und Trostlosigkeit des Lageralltags zu verdeutlichen, zitierte Koers einen Überlebenden: „Neben uns war ein Kriegsgefangenenlager: Franzosen, Belgier, Italiener. Außerdem eine kahle, öde Ebene. Manchmal über 30 cm Schnee, manchmal –17 Grad. Aber immer kalt, durch und durch kalt.“
Bas Kortholt, Historiker, Ausstellungskurator und Leiter der Abteilung Forschung an der Gedenkstätte Westerbork in den Niederlanden, erläuterte in seinem Eröffnungsvortrag den Anspruch des internationalen Graphic-Novel-Projekts: „Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler suchen jeweils eigene visuelle Formen, um sich dem Unbeschreiblichen anzunähern.“ Dabei griffen sie Geschichten aus dem KZ Neuengamme, der Kazerne Dossin und dem Lager Westerbork auf. Die Bandbreite der künstlerischen Ansätze sei groß: „Die Arbeiten reichen von realistischen Bildern bis hin zu abstrakten und experimentellen Erzählformen“, so Kortholt. Ziel sei es, nicht nur historische Fakten zu vermitteln, sondern auch Erfahrungsdimensionen sichtbar zu machen, die sich einer rein dokumentarischen Darstellung entziehen.
Ausgangspunkt des Projekts war die Wiederentdeckung eines rund achtzig Jahre alten Comics durch den Historiker Kees Ribbens vom niederländischen NIOD-Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien. In seiner bereits 1944 entstandenen Bilderzählung „Nazi Death Parade“ schildert der Künstler August M. Fröhlich die Gräuel nach der Ankunft eines Deportationszuges in einem Vernichtungslager. Der Comic erschien Anfang 1945 in den USA – zu einem Zeitpunkt, als viele Vernichtungslager noch in Betrieb waren. Die Ausstellung geht der Frage nach, wie zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler diese Thematik Jahrzehnte später interpretieren.
Die Ausstellung entstand in enger internationaler Kooperation zwischen der Gedenkstätte Westerbork, der Kaserne Dossin, der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, dem NIOD-Institutsowie dem Verlag Scratch Books. Nachdem das Projekt bereits im KZ Neuengamme und ander TU Braunschweig gezeigt wurde, ist es nun in Esterwegen zu sehen und eröffnet einem breiten Publikum neue Zugänge zur historischen Auseinandersetzung.
Der Eintritt in die Ausstellung ist frei. Begleitend zur Wanderausstellung ist im Verlag Scratch Books der Graphic-Novel-Band „Picturing the Unimaginable“ in deutscher, englischer, französischer und niederländischer Sprache erschienen. Er ist im Buch-Shop der Gedenkstätte Esterwegen erhältlich.
(PM)
(09.06.26)